Produktive Konzepte zwischen Utopie und Dystopie


Katia Baudin, Foto: Volker Döhne


 

Christina Irrgang im Gespräch mit Katia Baudin

im Kontext der Ausstellung

„Anders Wohnen. Entwürfe für Haus Lange Haus Esters“, Kunstmuseen Krefeld, bis Januar 2020

 

 


CI: Sie nehmen bei der Konzeption Ihrer Ausstellungen die Stadt Krefeld als Ort sehr stark wahr, die spezifische Sammlung des Kaiser Wilhelm Museums und damit die Verknüpfung von Kunst, Design und Architektur. Ferner zielen Sie mit Ihrer kuratorischen Arbeit auf Kooperationen mit lokalen Institutionen, wie z.B. mit der Hochschule Niederrhein oder dem Krefelder Umweltzentrum. Mit welchem Impuls haben Sie Ihre Arbeit als Direktorin der Kunstmuseen Krefeld in September 2016 aufgenommen und was ist Ihnen dabei wichtig?



KB: Als ich mich mit den Kunstmuseen Krefeld auseinander gesetzt habe, begann ich zu überlegen, welche Zukunft diese Institution haben kann: wie ihr Profil gestärkt und insbesondere ihr Sonderstatus in der sehr dichten kulturellen Landschaft in NRW hervorgehoben werden kann. Das war für mich wirklich das Allerwichtigste.

Die Kunstmuseen Krefeld waren in den 1960er-Jahren – so unter Paul Wember, dem ersten Direktor nach dem Krieg – eines der starken und raren Häuser in West-Deutschland, das sich für die experimentierfreudige zeitgenössische Kunst eingesetzt hat. In der Zwischenzeit hat sich einiges geändert und in sehr vielen Städten in NRW gibt es ein tolles Programm.

Was aber hier so spannend war und noch immer ist: dass die Kunstmuseen Krefeld eine lange Geschichte haben und dass man genau darauf auch zurück schauen kann – auf die Ausstellungsgeschichte und die Sammlung des Hauses! Und so hat sich für mich eine Richtung herauskristallisiert, die wir jetzt so auch sehen: Das Museum als Plattform, die einen Dialog zwischen den Disziplinen hervorhebt und anspornt, das heißt neue Dialoge zwischen den Künsten und den Besucher*innen, zwischen den Künstler*innen und dem Haus.


Vor 125 Jahren wurde unser Haupthaus, das Kaiser Wilhelm Museum, als ein Museum für Angewandte und Bildende Kunst gegründet. Eigentlich auch als ein Vorzeige-Museum, als eine Inspirationsquelle für die lokale Industrie und Handwerker. Peter Behrens, ein großer Künstler und Architekt der Reformzeit, wurde ganz am Anfang des 20. Jahrhunderts vom Gründungsdirektor des Museums, Friedrich Deneken, eingeladen, Plakate wie auch Ausstellungsarchitektur zu konzipieren: Er hat Behrens an die lokale Industrie vermittelt, mit der es auch Zusammenarbeiten gab.[1] So ein innovatives Denken, das auch die Rolle des Museums in der Gesellschaft hinterfragt, ist natürlich heute wieder sehr aktuell.


Das Kaiser Wilhelm Museum wurde durch die Bürger*innen Krefelds gegründet. Krefeld war eine sehr reiche Stadt – heute ist das anders, eben weil die Textilindustrie in dieser Weise wie damals hier nicht mehr ansässig ist oder sich anders orientiert hat.

Eine sehr wichtige Frage aber bleibt: Wie können wir für die Gesellschaft relevant sein? Also wie und wodurch können wir Ausstellungen und Formate entwickeln, die nicht nur ein Publikum ansprechen, das bereits für Kunst sensibilisiert ist, sondern auch die Bürger*innen auf einer lokalen Ebene erreichen. Ich finde es extrem wichtig, dass sich alle willkommen fühlen! Zwischen Museum und Stadt muss ein guter Dialog existieren – und daran arbeiten wir. Zum Beispiel durch neue Formate wie „KunstImPuls“, wo wir durch Unterstützung der Stadt und zwei weiterer Sponsoren unseren Besucher*innen bei freiem Eintritt ermöglichen, durch den Dialog mit Poesie, Musik, Tanz und Workshops einen anderen Blick herzustellen, ihn zu erweitern. Es geht uns bei unserer Arbeit darum zu zeigen, dass man die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten kann. Manche sehen die Welt in Schwarz/Weiß und andere sehen sie in Farbe und beide koexistieren – und es ist auch interessant zu wissen, wieso dies so ist.


Unser Ziel besteht darin, das Kaiser Wilhelm Museum wieder als Haupthaus zu positionieren, was vor der Sanierung des Hauses nur bedingt möglich war. Jetzt, unter guten klimatischen/konservatorischen Bedingungen, können wir aus der ganzen Vielfalt der Institution schöpfen: das heißt die Geschichte und die Sammlung des Hauses aus unterschiedlichen Perspektiven ins Heute bringen.

Haus Esters und Haus Lange werden wir verstärkt in einen dialektischen Dialog bringen. Die Häuser sind zwei benachbarte Villen, die von Mies van der Rohe zur gleichen Zeit (1927-1930) konzipiert worden sind: für Hermann Lange und Josef Esters, dem Chef der Verseidag und dessen Stellvertreter. Es waren also ursprünglich Wohnhäuser, die von den Kunstmuseen Krefeld für die zeitgenössische Kunst bespielt werden – Haus Lange seit 1955 und Haus Esters seit 1981. Wir organisieren nun in diesen beiden einander sehr ähnlichen, doch auch unterschiedlichen ehemaligen Wohnräumen Ausstellungen in einem Ping-Pong-Verhältnis, das heißt: gleichzeitig eröffnen zwei Ausstellungen, die in einem Dialog miteinander stehen. Wir versuchen Grenzen aufzubrechen – zwischen den Künsten, Besuchern und Kunstmuseen – und verfolgen dabei auch einen erweiterten Kunstbegriff mit der Frage: Welche Rolle hat die Kunst in der Gesellschaft über die vier Wände des Museums hinaus und welche Wechselwirkungen gibt es dazwischen?

 


Innenansicht Haus Lange, Kunstmuseen Krefeld, © VG Bildkunst Bonn 2019, Foto: Dirk Rose



CI: Ihre Haltung finde ich sehr interessant in Bezug zur Sammlung, also zum Umgang mit Kunstwerken, Design-Objekten und Dokumenten, die sich im Archiv/in der Sammlung des Kaiser Wilhelm Museums befinden. Insbesondere der Einbezug von Archivalien in Ihre Ausstellungen ist mir aufgefallen: Zeichnungen, Skizzen, Projektblätter usw. werden darin zu einem grundlegenden Bestandteil, um Prozesse sichtbar zu machen – mit der Frage: Was steckt hinter den Kunstwerken und Design-Objekten, die gezeigt werden?



KB: Vielen Besucher*innen und Wissenschaftler*innen ist nicht bekannt, dass wir so eine reiche Sammlung haben. Mit der Sammlung meine ich sowohl physische Objekte, wie Skulptur, aber auch Papierarbeiten, die von den Gründer*innen (Bürger*innen) des Kaiser Wilhelm Museums gestiftet wurden, aber auch das Schriftarchiv – d.h. Korrespondenzen mit den Künstler*innen, die hier seit 1900 mit dem Museum in Verbindung standen. Das möchten wir nach und nach aufarbeiten, und das ist zum Teil bereits in der Peter Behrens-Ausstellung[2] sichtbar geworden. Selbst Spezialisten wussten nicht, dass wir z.B. über 300 Behrens-Objekte wie auch Schriftverkehr in der Sammlung haben, dies wurde durch die Ausstellung erstmals sichtbar. Durch das Präsentieren von solchem Archiv-Material wird eine Ausstellung lebendig, besonders, wenn man vergangene Zeiten thematisiert.


Ein wichtiges Statement für uns ist, dass die Kunstmuseen Krefeld auch im Bereich des Designs wieder tätig sind. Denn genau das war ja die Identität dieses Museums am Anfang des 20. Jahrhunderts: Ein besonderes Highlight ist die umfangreiche Sammlung, die Karl Ernst Osthaus zwischen 1909 und 1919 für das Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe – das erste Design-Museum überhaupt – zusammengetragen hat und welche seit 1923 Teil der Sammlung der Kunstmuseen Krefeld ist.


Es macht absolut Sinn, sich mit diesen Fragen aus heutiger Sicht wieder auseinander zu setzen und aus der Sammlung und der Geschichte heraus zu arbeiten. Gerade im Bereich des Designs sind Ausstellungen leider oft etwas oberflächlich organisiert, da geht es eher um das „schöne Endresultat“. Aber dass Designer*innen sich auch Gedanken darüber machen, wie ein Objekt praktisch von der Idee zur Form umgesetzt wird und wie ihre Zusammenarbeit mit Handwerker*innen und deren Expertise auch Einfluss auf das endgültige Produkt hat: das sind Geschichten, die man erzählen kann – gerade in diesem Museum, das gegründet wurde, um Handwerker*innen zu inspirieren![3]


Das Kaiser Wilhelm Museum war eine wichtige Spielstätte für den Werkbund: durch den Gründungsdirektor Friedrich Deneken und durch die Osthaus-Sammlung, aber auch, weil Krefeld eine Bauhaus-Stadt ist. In dieser Stadt haben Bauhaus-Meister*innen und Bauhaus-Schüler*innen ihr Wissen angewendet und die Künste in den Alltag gebracht. Der Werkbundgedanke ist also in der Sammlung und in der Ursprungsgeschichte des Museums enthalten. Und gerade das sind die Aspekte, die wir aktuell aus einer erweiterten Perspektive beleuchten möchten. Das Bauhaus-Jahr 2019 ist für uns ein Moment, einen besonderen Fokus auf diese Problematiken zu setzen; aber es ist auch nicht das letzte Mal. Immer wieder werden wir zurückkommen auf große internationale Positionen des interdisziplinären Denkens, sowohl in der Moderne, wie auch heute – ausgehend von Aspekten, die in dieser Stadt oder in der Sammlung gewirkt haben.



Außenansicht Haus Lange, AR-Installation, Kunstmuseen Krefeld, Foto: Dirk Rose



CI: Also wieder mehr in Einheit denken, ganz im Sinne des Reformgedankens? Bei dem von der Kunststiftung NRW geförderten Projekt „Anders Wohnen. Entwürfe für Haus Esters Haus Lange“ sollen neue ortsbezogene Räume für die Häuser und den Garten entwickelt werden – von Künstler*innen, Designer*innen, Architekt*innen… Was wird uns im Rahmen dieser sich über das Jahr 2019 erstreckenden Ausstellung erwarten?



KB: Diese Ausstellung ist für uns ein Experiment, da es keine Ausstellung im klassischen Sinne ist bzw. sein wird, sondern mehr eine Choreografie, die sich in verschiedenen Akten aufbaut. Die ehemaligen Wohnhäuser der Moderne sind zugleich Kulisse und Ausgangspunkt für eine aktuelle Auseinandersetzung mit dem Thema des Wohnens heute und morgen. Es fing an mit einem Prolog, bei dem Haus Lange durch Augmented-Reality-Brillen erlebt werden konnte (Prolog: Mixed Reality, 17. März bis 14. April 2019): Dabei wurden die Besucher*innen zurückversetzt in die Zeit, in der die Häuser entstanden sind. Dies konnten wir in Zusammenarbeit mit der Firma Canon realisieren – die unser Kooperationspartner für Fotografie und Video ist – und der Tochterfirma cognitas, die in diesem Bereich spezialisiert ist.

Haus Esters wird bis Ende August ein Ort mit Laborcharakter sein, eine Plattform, in der wir mit unseren Besucher*innen in Dialog treten (Dialog: Partizipation und Wissenschaft, 17. März bis 18. August 2019). Hier werden verschiedene experimentierfreudige Formate entwickelt werden, bei denen die Besucher*innen eine aktive Rolle einnehmen. Es wird Vorträge, Performances und Filmabende geben und eine Art „Maker Lab“ mit 3D-Drucker, wo die Besucher*innen verschiedene Projekte umsetzen können. Auch hier haben wir verschiedenen Partner, wie den Fachbereich Design der Hochschule Niederrhein, der in einer offenen Lehre einen Teil seiner Lehrveranstaltungen öffentlich zugänglich in Haus Lange veranstalten wird.



© 5x10, raumlaborberlin, 2019, Installation Haus Lange, Kunstmuseen Krefeld



Nach diesem Blick in die Vergangenheit in Haus Lange folgt dann aktuell der erste Teil der Ausstellung: Hierbei geht es um die Frage der Utopie (Akt 1: Utopie, 5. Mai 2019 bis 26. Januar 2020). Künstler*innen, Designer*innen und Architekt*innen machen Vorschläge und realisieren Installationen, die sich mit der Frage des Wohnens und Zusammenseins in der heutigen Gesellschaft auseinandersetzen, das heißt sie werden Perspektiven der Zukunft aus einem eher utopischen Blickwinkel vorstellen.


Am 7. Juli 2019 geht die Choreografie weiter – mit den Gärten! Hier steht die Frage nach Flexibilität und Mobilität im Zentrum (Akt 2: Mobilität, ebenso bis 26. Januar 2020). Es gibt konkrete Vorschläge für ortsspezifische Installationen in den Gärten. Dabei ist es das erste Mal seit Langem, dass die Gärten in größerem Rahmen als erweitertes Ausstellungsformat genutzt werden. Denn auch die Gärten wurden von Mies van der Rohe angelegt und spielten eine zentrale Rolle in dem Konzept der Häuser. Neben Haus Lange und Haus Esters gibt es ein kleines Gartenhäuschen aus der Hellerau-Zeit, das Josef Esters gehörte; in welchem die Familie tatsächlich auch wohnte, bevor der Wohnbau fertig war. Dieses Häuschen wurde saniert – und darin wird die amerikanische Künstlerin Andrea Zittel ein Café gestalten, eine Art Gesamtkunstwerk, so dass dieser Teil des Gartens im Sommer wirklich auch belebt werden kann. Dieser Ort wird ein Punkt der Zusammenkunft und des Zusammenwohnens, zwischen Besucher*innen, Künstler*innen wie auch anderen Akteur*innen. Wenn wir eine Kultur ausstrahlen, dass jeder willkommen ist und verweilen soll, dann muss man auch solche Möglichkeiten anbieten. Andrea Zittel erweitert den „Skulpturenpark“ von Haus Lange und Haus Esters als erste weibliche Position und sie erweitert mit ihrer raumgreifenden nutzbaren Installation auch den Begriff der Skulptur. Die Installation soll auch über das Projekt „Anders Wohnen“ hinaus bleiben.


Ab Mitte September wird dann im dritten Teil der Ausstellung Haus Esters eine Plattform für die Frage der Dystopie – was in der heutigen Gesellschaft natürlich auch eine große Fragestellung von Künstler*innen, Designer*innen und Architekt*innen ist, die sich da aus einer mehr kritischen Perspektive mit der Entwicklung der Gesellschaft, dem Leben und Zusammenleben auseinandersetzen. (Akt 3: Dystopie, 15. September 2019 bis 26. Januar 2020)


Das Projekt endet im Januar 2020 mit einem großen Fest, zu dem auch der Katalog erscheinen soll, und geht dann über in den Stadtraum. Nachdem man in dieser utopischen Villen-Landschaft von Mies von der Rohe war, begeben wir uns also als Weiterentwicklung in die Stadt von heute und werden mit einem Partner ein Projekt in einem Wohngebäude realisieren. Damit bewegen wir uns von der Utopie in die Realität. (Epilog: Bauhaus heute und morgen leben, Januar 2020)


Die Ausstellung ist somit eine Art „work-in-progress“, von Utopie zu Dystopie – wobei wir durch die Vorschläge und Überlegungen der Künstler merken, dass die Grenzen zwischen Utopie und Dystopie fließend sind – zu den Arbeiten gehören skulpturale, filmische, performative Arbeiten, mit Malerei, verwendbaren Möbeln… Es wird eine Vielfalt von Ansätzen geben, bei denen man in einen dialogischen und diskursiven Prozess kommt – mit den Einwohner*innen und mit den Besucher*innen. Haus Esters und Haus Lange werden Plattformen sein, um die Frage des Lebens in der heutigen Gesellschaft und den privaten Raum neu zu befragen.



Außenansicht Haus Esters, Kunstmuseen Krefeld, Foto: Dirk Rose



[1] Das Museum hat sogar dazu geführt, dass zum Beispiel die niederrheinische Töpfertradition wieder aufgelebt wurde: So hat Deneken ein Stipendium an einen Keramikkünstler gegeben, um die Grotheburger Töpferei zu gründen; dieses Stipendium hat mehrere Jahrzehnte existiert.


[2] Peter Behrens, "Das Praktische und das Ideale", Kaiser Wilhelm Museum, 18. Mai bis 14. Oktober 2018. Ein Teil des von Katia Baudin erwähnten Schriftverkehrs wurde im Rahmen der Behrens-Ausstellung überhaupt erst wissenschaftlich aufgearbeitet: Z.B. Briefe zwischen Peter Behrens, Friedrich Deneken und Karl Ernst Osthaus, die gelesen und als Audio-Datei aufgenommen wurden.


[3] Dazu gehört die umfangreiche Ausstellung "Domeau & Pérès. Von der Idee zur Form", Kaiser Wilhelm Museum, 18. Mai bis 14. Oktober 2018, die die umfangreiche Schenkung dieser französischen Designhersteller und Handwerker erstmalig präsentierte, mit über 60 Möbeln, Prototypen sowie Archivmaterial, die deren Zusammenarbeit mit Designer*innen wie Matali Crasset, den Bouroullec Brüdern und Michael Young zeigte.



Ausstellungsblick: Peter Behrens. Das Praktische und das Ideale, Kaiser Wilhelm Museum, 18.05.2018 – 14.10.2018, Foto: Vol-ker Döhne



Ausstellungsblick: Von der Idee zur Form. Domeau & Pérès, Dialoge zwischen Design und Handwerk, Kaiser Wilhelm Museum, 18.05.2018 – 14.10.2018, Foto: Volker Döhne